Vorwort
100 Jahre HARMS & MARCUS
Seit 100 Jahren befindet sich das Handelshaus HARMS & MARCUS in der Hamburger Innenstadt. Drei Generationen der Familie HARMS führten die Firma durch gute und durch schwere Zeiten. Dabei änderten sich im Laufe des Jahrhunderts die Produkte, die Methoden und die Menschen.
Bei einer Export-Firma unterliegt die Geschäftstätigkeit den Schwankungen der Weltkonjunktur besonders stark. Speziell hängen die Geschäfte von der Wirtschaftssituation derjenigen Länder ab, mit denen die Firma Handel treibt. Dieses trifft, wie aus nachstehender Firmengeschichte ersichtlich, in ganz besonderem Maße auf die wechselvollen Geschicke des Westafrika-Handelshauses HARMS & MARCUS zu, dessen 100jähriges Bestehen am 9.6.1988 begangen wird. Nach vielen Teilen der Welt hat HARMS & MARCUS im Laufe des Jahrhunderts Ware geliefert, besonders aber in die Länder der westafrikanischen Küste.
1888
& 1. Weltkrieg
I. Gründerjahre
Am 9. Juni 1888 gründeten ROBERT HARMS SEN. (geb. 1861) und sein Schulfreund JOHN EMIL MARCUS die Firma HARMS & MARCUS. ROBERT HARMS war kaufmännischer Lehrling und anschliessend Vertreter für Schuhfabriken gewesen. JOHN EMIL MARCUS war Soldat und als Reserveleutnant eines Kavallerie-Regimentes ausgeschieden.
Die gemeinsame Firma bezweckte Export und Import, der sich aus kleinsten Anfängen heraus entwickeln mußte, denn große Kapitalien standen nicht zur Verfügung. Zu dem Kontor an der Börsenbrücke kamen Niederlassungen in Bissao und Bolama (Landana/ jetzt: Port. Guinea). Dorthin verlud man Waren – besonders Textilien und Eisenwaren – auf gecharterten Dreimastseglern, die auf der Rückfahrt von den Faktoreien ertauschte Produkte mitbrachten wie Elfenbein, Ölfrüchte und Rohgummi.
Das Geschäft nahm ein erhebliches Ausmaß an. Das Wachstum wurde jedoch durch einen Konjunktureinbruch im Jahre 1902/1903 plötzlich unterbrochen. HARMS & MARCUS wurde gezwungen, die Rohgummivorräte sofort abzubauen, zu einem Zeitpunkt, als der Rohgummipreis stark gefallen war, und mit einem Verlust von 500.000 Goldmark abzustoßen, da die Banken den gewährten Kredit fällig stellten. Ein halbes Jahr später hatte sich der Rohgummipreis wieder normalisiert, das Kapital aber war verloren.
Um den Verlust zu decken, wurden die Niederlassungen an die Firma C. WOERMANN verkauft. Bis 1910 wurde Westafrika von HARMS & MARCUS mit großen Musterkollektionen bereist. Kunden waren Afrikaner und Libanesen, die an allen Arten von Waren aus Europa interessiert waren. 1906 ließ sich Herr MARCUS auszahlen und nahm Geschäftsverbindungen nach Panama mit. Neues Kommanditkapital mußte beschafft werden. Herr MARCUS starb sechs Jahre später.
Der ebenfalls mit ausgeschiedene Prokurist MORIN war harter Konkurrent an der westafrikanischen Küste. HARMS & MARCUS baute ein neues Geschäft nach den Kanarischen Inseln auf, was aber an dem Umstand scheiterte, daß der zur Kontrolle entsandte Herr VORBECK den "Verführungen der Insel" erlag, sodaß man das Projekt aufgab.
Weiterhin startete ein Herr VERMEHREN Geschäfte nach Australien. Dazu nahm er 40 m³ Muster aller Art und viele Großartikel, wie Harmoniums, Klaviere, Fahrräder usw. mit. Die Herstellerwerke hatten HARMS & MARCUS den Alleinverkauf für Australien übertragen. In den Großstädten Australiens wurden Vertreter engagiert und zunächst gute Erfolge erzielt. Eines Tages aber fiel der Reisende australischen Händlern in die Hände, die das deutsche Greenhorn hereinlegten: sie verkauften ihm australische Äpfel, die in schlechter Qualität und kleinsten Sortierungen zu einer Zeit in Deutschland eintrafen, als gerade Erdbeeren und andere Früchte billig zu haben waren. So wollte niemand die teuren Austral-Äpfel kaufen, sodaß tausende von Kisten mit kleinen Äpfeln mit erheblichen Verlusten abgestoßen werden mußten.
Auch das Afrika-Direktgeschäft war nicht sehr lukrativ, seit immer mehr europäische Firmen eigene Niederlassungen eröffneten. Diese Verluste und hohe Reisekosten liessen sich nur langsam ausgleichen, sodaß sich im Jahre 1910 die stillen Teilhaber ihr Kapital auszahlen liessen und damit die Firma so schwächten, daß erneut eine Umstellung erfolgen mußte. Das Afrika-Direktgeschäft inklusive Mitarbeiter ging auf die Firma A. FERD. PAASCH über.
Bis zum Jahre 1910 waren etwa 20 Mitarbeiter bei HARMS & MARCUS tätig, dann nur noch vier, darunter der älteste Sohn von ROBERT HARMS, nämlich ROBERT HARMS JUN. (geb. 1891), der seine Lehre bei der Firma E.A. GRIMM abgeschlossen hatte. Nun wurde stark mit europäischen Firmen gearbeitet. Aufgrund langjähriger Erfahrung war es möglich, gegen die direkt ausführende Industrie mit dieser Käuferschicht zu arbeiten. Überseegeschäfte wurden seinerzeit nur in beschränktem Umfang getätigt, vornehmlich nach Zentralamerika.
Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges im Jahre 1914 stellte HARMS & MARCUS um auf Großhandelsgeschäfte, z.B. Kauf von Schokolade und Verkauf an das Rote Kreuz, Kauf von wollenem Unterzeug in Italien und Verkauf an die Armee, Kauf von Emaillegeschirr und Verkauf vom Hamburger Lager aus an Ladengeschäfte. Inzwischen arbeiteten nur noch fünf Angestellte und am 1.1.1915 wurde dann auch ROBERT HARMS JUN. zum Militär eingezogen. Er kehrte am 20.12.1918 nach Hamburg zurück. Sein Bruder WALTER, der 1912 in die Firma eingetreten war, fiel als Infanterist am 24.12.1917 in Belgien.
Der Krieg bescherte der Firma wiederum Verluste. Am Tage der Kriegserklärung 1914 hatte HARMS & MARCUS 400.000 Mark Forderungen gegen verschiffte Waren ausstehen, die gegen Dokumente im Ausland bezahlt werden sollten. Im Jahre 1923 entschädigte die deutsche Regierung den Schaden mit 3 %, d.h. 12.000 Mark.
1918
- 1938
II. Zwischen den Weltkriegen
Nach dem 1. Weltkrieg wurde sofort wieder exportiert, Warenknappheit gab es nicht. Die Inflation bescherte wieder Verluste, obwohl im August 1923 auf Verkäufe in Devisen umgestellt wurde. Auch die Gehälter wurden in englischen Pfunden bezahlt.
Der Zusammenbruch der Weltkonjunktur 1930 brachte schwere Jahre. Den Aufstieg in die besseren Jahre danach erlebte der Firmengründer nicht mehr mit, er verstarb im Dezember 1933. Ab 1934 besserte sich die Weltlage und die Firma wurde wieder sehr aktiv. Sie spezialisierte sich in Fachabteilungen wie Emaille, Keramik, Stahl- und Eisenwaren, Textilien, Elektro und Uhren. Zunächst wurden Westafrika-Exporteure in Europa beliefert.
Ab 1936 bereisten Mitarbeiter von HARMS & MARCUS die Küste wieder selbst. In Accra, Port Harcourt und Calabar wurden Niederlassungen unterhalten, die unter den Namen der dort ansässigen deutschen Herren arbeiteten. Diese Geschäfte erweiterten sich von Jahr zu Jahr. 1934-39 wurden große Kompensationsgeschäfte, teilweise über eigenes Aski-Konto, mit Westafrika abgewickelt und dabei große Mengen Baumwolle und Rohkakao importiert.
Daneben wurde seit 1933 nach Süd- und Mittelamerika gearbeitet. Die Firma hatte diese Geschäfte sehr gut aufgebaut, jährliche Reisen von Angestellten unterstützten überseeische Agenten. Die Firma war hierdurch in ihrer Kapitalkraft sehr in Anspruch genommen. Die Überbeanspruchung durch die Devisen-Gesetzgebung jener Zeit, die Arbeitsbelastung des alleinigen Inhabers und des Mitarbeiterstabes von über 70 Angestellten sowie die Drohung eines neuen Krieges veranlaßten ROBERT HARMS, das gesamte Südamerika-Geschäft am 1.1.10.1938 an die Firma CARLOWITZ & CO/ Hamburg zu verkaufen.
Als Freimaurer und Exporteur hatte ROBERT HARMS weltweit Kontakte. Da weder der Inhaber noch die Prokuristen der nationalsozialistischen Partei angehörten, hatte die Firma stark unter den Schikanen der Devisenstelle zu leiden. Die staatlichen Kontrollen erschwerten besonders ab 1937 das Export-Geschäft ausserordentlich. 72 Angestellte waren erforderlich, um die Berge von Papier zu bewältigen. Ca. 65.000 Formulare pro Jahr mußten für die Behörden unterschrieben werden und konnten kaum durchgelesen und überprüft werden.
1939
- 1945
III. 2. Weltkrieg
Bei Kriegsausbruch lagerten große Mengen Haushaltswaren, hauptsächlich Emaillegeschirr und Porzellantassen, für HARMS & MARCUS im Hamburger Hafen. Waren dieser Art waren regelmäßig bei Fabriken aufgekauft worden, wenn billiger Vorrat anfiel, um sie später im Export zu verwenden. Oft waren es polnische, tschechische und ungarische Waren, die HARMS & MARCUS zollfrei einlagerte und mit guten Gewinnen während des Krieges an Kaufhäuser weiter verkaufte.
In den ersten Monaten des 2. Weltkrieges wurde noch nach dem Iran gearbeitet. 1941 konnten wieder größere Exportlieferungen über französische Westafrika-Exporteure durchgeführt werden. Auch Importe von westafrikanischem Rohkakao, südafrikanischer Wolle und anderer Produkte konnten getätigt werden, bis dann die Umstellung auf Inlands-Großhandel endgültig erforderlich wurde.
In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 wurde das Wohnhaus der Familie HARMS in Wandsbek durch Bomben und Phosphor völlig zerstört, ebenso das Büro am Neuen Wall 59 mit 45 Arbeitsplätzen. Die restlichen Mitarbeiter waren in alle Winde geflohen.
ROBERT HARMS brachte seine Familie 75 km von Hamburg entfernt unter und schaffte ein neues Kontor mit Material und Maschinen und veranlaßte die geflüchteten Angestellten zur Rückkehr. Ein Jahr später wurde auch dieses Büro durch Feuer und Bomben vernichtet. Insgesamt dreimal mußte ROBERT HARMS Kontore finden und neu einrichten. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Hamburg zurück. Das Büro war von der englischen Armee beschlagnahmt worden. Schließlich fand sich 1946 eine neue Arbeitsstätte, die nicht von den Engländern annektiert wurde am Großen Burstah 23.
ab 1945
IV. Nachkriegsjahre
In den ersten Jahren nach dem Krieg wurde Inlandsgroßhandel betrieben, zum Teil als Tauschhandel (Weihnachtsgänse gegen Emailletöpfe). Erste zaghafte Anfänge im Export wurden ab 1947 versucht. Es wurden Waren an die englischen und französischen Kolonialgesellschaften verkauft, zu denen aus Vorkriegszeiten noch gute Beziehungen bestanden. Der bekannte Name HARMS & MARCUS öffnete dabei die Türen. Es gab Exportprämien von Regierungsseite in Form eines Bonussystems, d.h. ein Teil der Devisenerlöse aus Exportgeschäften verblieben dem Exporteur zur freien Verfügung. Dagegen konnten Waren beschafft werden, die sonst nur auf dem Schwarzmarkt bezogen werden konnten, vor allem Lebensmittel. Von diesem Exportbonus bekamen auch die Lieferwerke Ihren Anteil, nur so war überhaupt Ware für den Export zu beschaffen.
Am 18.6.1948, dem Tag der Währungsreform, hatte HARMS & MARCUS gerade einen größeren Satz Pfund-Verladedokumente bei der BANK OF BRITISH WEST AFRICA, Hamburg zum Inkasso und zur Bevorschussung laufen. Die Bank rechnete die Pfunde am Tag nach der Währungsreform zum neuen Kurs ab, sodaß zunächst einmal etwas Betriebskapital in DM zur Verfügung stand, um wenigstens die nächsten Gehälter zahlen zu können. Nach der Währungsreform lief das Export-Geschäft jedoch nur sehr langsam an, sodaß 1949 akute Liquiditäts- und Kapitalprobleme aufkamen. Teilweise konnte nur die Hälfte der Gehälter ausbezahlt werden.
Erst Ende 1949/Anfang 1950 lief der Import von Rohkakao wieder an. Gekauft wurde von denselben englischen und französischen Kolonialgesellschaften, die auch unsere Exportwaren kauften. Da Kakao zunächst nur auf Importlizenz bezogen werden konnte, HARMS & MARCUS und Nebenfirma OELERICH GEBRÜDER als Kakao-Importeure lange bekannt waren und Lizenzen erhielten, war dieses Geschäft einige Jahre hindurch sehr lukrativ. Beliefert wurden Schokoladenfabriken in ganz Deutschland. Bis 1953 brachte dieses Import-Geschäft gute Ergebnisse und erlaubte den Wiederaufbau des Exportgeschäftes.
Als 1953 das Importlizenzsystem mehr und mehr liberalisiert wurde, bestand ein erhebliches Überangebot an Kakao, aber auch eine Überkapazität bei den Süßwarenfabriken und Händlern. Die Folge waren Konkurse bei den Abnehmern. So war HARMS & MARCUS gezwungen, eine Süßwarenfabrik in Eidelstedt, die SCHMUCK KG, zu übernehmen, sowie die Handelsfirma CORNELIUS CREMER & CO. Die SCHMUCK KG wurde saniert und machte eigene Kettenläden auf, die gute Erträge abwarfen. 1956 wurde diese Firma an den ursprünglichen Eigentümer bzw. Geschäftsführer zurückverkauft. CORNELIUS CREMER versuchte sich mit magerem Erfolg an der Entwicklung und dem Vertrieb einer Rostschutzfarbe und mußte häufig unterstützt werden. Erst ca. 1959 liefen die Geschäfte etwas besser, 1962 wurden die Anteile an den Geschäftsführer verkauft.
Das Importgeschäft in Rohkakao, Trockenfrüchten usw. wurde 1954 endgültig beendet, da es stark spekulativ wurde, und der dafür zuständige Prokurist meist in die falsche Richtung spekulierte und erhebliche Verluste aus Termingeschäften erwirtschaftete.
Mittlerweile hatte sich das Export-Geschäft gut entwickelt. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs, sodaß 1952 ein Umzug vom Großen Burstah 23 in die Rathausstr. 1 nötig wurde. Da die Märkte in Europa mehr und mehr liberalisiert wurden, und sich die Entfernungen durch moderne Kommunikations- und Reisemittel verkürzten, wandten sich unsere traditionellen Abnehmer aus London und Liverpool, Paris und Marseille sowie Brüssel direkt an unsere deutschen Lieferanten, unter Ausschaltung der Exporthandelshäuser. Im Gegenzug war HARMS & MARCUS gezwungen, zunächst heimlich, um nicht die restlichen noch vorhandenen Geschäfte mit den europäischen Einkaufshäusern zu verlieren, ein Geschäft mit den Abnehmern dieser europäischen Kunden direkt mit Westafrika aufzubauen. Die Mitarbeit von alten "Coastern" wurde organisiert, d.h. Herren, die schon vor dem Kriege für HARMS & MARCUS oder andere Firmen in Afrika tätig gewesen waren, wurden engagiert. So wurden durch Herrn ERNST FRIEDRICHSDORF in Port Harcourt, Herrn KURT MÜLLER in Lagos, Herrn KROOP in Accra und später durch Herrn EBERT in Kano Vertretungs- und Import-Firmen aufgebaut.
Diese Herren waren fast ausschließlich für HARMS & MARCUS tätig und nahmen von Afrikanern Aufträge auf, wobei Depotgelder mit dem Auftrag kassiert wurden. Zur Tarnung dieser Geschäfte wurden die Firmen ERNST FRIEDRICHSDORF & CO. für den Export nach Nigeria und KROOP & CO. für den Export nach Ghana gegründet. 1956 schied Herr KROOP aus und arbeitete für eine Konkurrenzfirma. HARMS & MARCUS übernahm den altbekannten Firmennamen J.W. JÄCKEL & CO. unter Einbeziehung der Erben JÄCKEL und zog unter diesem Namen in Hamburg und in Ghana, mit Büros in Accra und Kumasi, ein Ghana-Geschäft auf. JÄCKEL bekam auch die begehrten Arbeitsgenehmigungen für Ausländer in Ghana, aufgrund der früheren Tätigkeit dieser Firma in Ghana. In Nigeria wurden sukzessive über 30 Niederlassungen eröffnet und übernommen mit bis zu 12 Deutschen und 200 Afrikanern.
Am 1.1.1955 trat WALTER HARMS (geb. 18.12.1931) nach Abschluß seines BWL-Studiums in die Firma ein, in der auch schon sein jüngerer Bruder KLAUS (geb. 24.1.1934) arbeitete.
1958 wurde die HANSA NIGERIAN TRADING & MOTOR COMPANY, Port Harcourt aus dem Konkurs der Bremer Firma WESTERSCHULTE WEGENER & CO. hinzugekauft, vornehmlich, um an deren 5 expatriate quotas (Arbeitsgenehmigungen für Ausländer) heranzukommen. Damit wurde unter anderem auch Herr FRIEDRICHSDORF wieder nach Port Harcourt zurückgebracht, der ausgewiesen worden war, da er über die Firma seiner nigerianischen Frau keine Arbeitsgenehmigung mehr erhalten konnte. Zur HANSA gehörten auch technische Aktivitäten, wie Autovertretung (Borgward, Magirus), Motorräder (Herkules, Suzuki), Radios usw. einschließlich Service.
In Hamburg wuchsen Umsatz und Mitarbeiterzahl, sodaß 1956 ein abermaliger Umzug in den Ost-West-Hof, Burchardstr. 1, erforderlich wurde. Mittlerweile belief sich die Zahl der Mitarbeiter in Hamburg auf über 80, einschließlich technischer Abteilung und Import von Baumwollrohgewebe und Hemden aus Fernost. Grundpfeiler war nach wie vor Export traditioneller Artikel, besonders Emaille, aber auch Textilien, sundries und Eisenwaren.
Ca. 1954 begann rein zufällig auch der Export nach Vietnam. Die Amerikaner stellten erhebliche Dollar-Summen für Importe zur Verfügung, mit denen chinesische und vietnamesische Importeure Dollar-Akkreditive eröffneten, vornehmlich für Starklichtlampen, Bootsdieselmotoren, Elektromotoren usw.. Vietnam wurde bereist und 1956 in Saigon eine Niederlassung eröffnet, die hervorragend arbeitete, bis die von den Amerikanern zur Verfügung gestellten Dollar nur noch für Importe aus den USA galten. Daraufhin mußte 1960 diese Niederlassung geschlossen und das Vietnam-Geschäft beendet werden.
Im Zuge der immer stärker werdenden Konkurrenz fernöstlicher Waren, seinerzeit speziell Hong Kong, wurden die Einkäufe der Artikel für Westafrika von Europa auf Fernost verlagert. Da besonders unser Spezialartikel Emaillewaren aus Deutschland aus Kostengründen gegen die Hong Kong-Ware nicht mehr ankam, wurde 1956 HARMS & MARCUS HONG KONG LTD. gegründet, als reine Einkaufsniederlassung. Der Leiter der Emailleabteilung von HARMS & MARCUS /Hamburg übernahm die Leitung in Hong Kong. Nach guten Anfangserfolgen bei Emaille und Wachstum dieser Niederlassung führte die chaotische Geschäftsführung in Hong Kong dazu, daß ab 1.1.1959 der Niederlassungsleiter ausgewechselt werden mußte.
1955 – 1959 wurden in der HARMS & MARCUS-Gruppe bis zu 350 Personen weltweit beschäftigt und ein Gesamtumsatz von bis zu 40 Mio. DM erzielt, für damalige Zeiten waren das erhebliche Umsätze. 1958 wurde auch in Abidjan eine Vertretungsniederlassung eingerichtet, um die französisch-westafrikanischen Gebiete von diesem Stützpunkt aus intensiver bearbeiten zu können. Wegen der hohen Kosten konnte diese Niederlassung jedoch nicht rentabel arbeiten und wurde 1960 wieder geschlossen, obwohl die Geschäfte gut liefen. Seit 1956 war auch in Khartoum/Sudan eine Niederlassung eröffnet worden. Nach anfänglichen Erfolgen waren Kreditverkäufe getätigt worden, die zu platzenden Wechseln und Verlusten führte.
Mittlerweile waren die erheblichen Nigeria-Umsätze zum Sorgenkind von HARMS & MARCUS geworden. Besonders in Port Harcourt und Kano waren von den alten "Coastern", die als Firmenleiter fungierten große Warenmengen auf Kredit verkauft worden, teils an Abnehmer im Busch und diese Aussenstände wurden faul. Die Lieferungen an diese Niederlassungen waren mit Wechseln bis 180 Tage dato Warenankunft finanziert und diese konnten lokal von FRIEDRICHSDORF, Port Harcourt, HANSA, Port Harcourt und CASH STORES, Kano nicht mehr ordnungsgemäß eingelöst werden.
Diese festgefahrenen Aussenstände führten 1960 in wachsendem Maße bei dem Hamburger Mutterhaus zu Liquiditätsproblemen. Mitte 1961 mußte ein Vergleichsantrag gestellt werden. Sobald die Kunden von den Schwierigkeiten bei HARMS & MARCUS /Hamburg erfuhren, kamen noch weniger Gelder herein. Niederlassungen mußten geschlossen werden, Personal wurde rasch abgebaut. 1964 erfolgte der Umzug in ein kleineres Büro am Zippelhaus 5.
ab 1964
V. Neubeginn
Ein Partner wurde gesucht und schließlich gefunden: die Darmhandelsfirma RASPE & PASCHEN beteiligte sich an der inzwischen gegründeten Auffanggesellschaft KG HARMS & MARCUS EXPORT & IMPORT GMBH & Co. zu 50 % und zog mit in das Büro am Zippelhaus No. 5.
Die Umsätze schrumpften bis 1966 weiter auf nur 2,2 Mio. p.a.. Gelder gegen die Vergleichsmasse kamen immer spärlicher herein und flossen ausschließlich an die bevorrechtigten Banken. So wurde 1966 ein Anschlußkonkurs unvermeidlich. Parallel dazu arbeitete die Auffanggesellschaft weiter und bemühte sich vor allem, das Geschäft mit Französisch-Westafrika zu entwickeln. Dies gelang nur sehr langsam.
Mitte 1967 kündigte RASPE & PASCHEN per 31.12.1967 den Gesellschaftsvertrag. Glücklicherweise liefen die Geschäfte ab der zweiten Hälfte 1967 wieder besser, sodaß 1968 RASPE & PASCHEN ihr Restkapital ausbezahlt erhielten.
Eine Bankverbindung, die HAMBURG-AFRIKA-BANK AG, finanzierte inzwischen den größten Teil des Neugeschäftes und erklärte sich 1968 bereit, eine Bürgschaft über DM 200.000,-- zu stellen, zur Durchführung eines Zwangsvergleiches bei HARMS & MARCUS zur Beendigung des laufenden Konkursverfahrens, in das auch das gesamte Privatvermögen von Herrn ROBERT HARMS, einschließlich der verschiedenen Häuser im Namen von Frau HARMS, einbezogen war. Der Zwangsvergleich wurde angenommen. Glücklicherweise besserten sich die Geschäft mit Französisch-Westafrika wesentlich, sodaß die Raten ohne Inanspruchnahme der Bürschaft der HAMBURG-AFRIKA-BANK AG pünktlich bezahlt werden konnten. Zu der Zeit tobte in Nigeria der Biafra-Krieg, sodaß mit diesem Lande keine normalen Geschäfte getätigt werden konnten, zumal die Aktivitäten von HARMS & MARCUS hauptsächlich im Gebiet von Ostnigeria, also Biafra, gelegen hatten.
Nach dem 2. Weltkrieg, also etwa ab 1950, wurde allgemein von deutschen Exporteuren und insbesondere bei HARMS & MARCUS versucht, mit geringen Margen billig anzubieten, dadurch einen großen Umsatz zu erzielen und über die Menge die kleine Marge zu kompensieren und die Unkosten zu decken. Dies führte in den 50iger Jahren zu einer raschen Umsatzausweitung bei geringer Eigenkapitalbildung und nicht ausreichender Risikovorsorge. Solange die Geschäfte, wie Anfang der 50iger Jahre, mit seriösen, sicheren Kunden wie den englischen und französischen Kolonialgesellschaften getätigt wurden, die absolut sichere Zahler waren, war dies noch zur Not zu vertreten. Die magere Bruttomarge von 6,68 % (damalige Umsatzsteuerrückvergütung) erwies sich aber als ungenügend bei dem risikoreichen Geschäft mit Afrikanern und eigenen Niederlassungen, die auf Kredit an Abnehmer im Busch verkauften. Diese Politik – kleine Marge, großer Umsatz – führte 1961 zur Katastrophe, da nicht genug Eigenkapital gebildet worden war, um Verluste abzufangen.
Ende der 60iger Jahre stellte WALTER HARMS dieses System radikal um. Es wurden erheblich höhere Margen kalkuliert und notfalls der Verlust von Geschäftsmöglichkeiten in Kauf genommen. Dieses hat zu besserer Risikovorsorge und kritischer Auswahl von Kunden und Einzelgeschäften geführt. Das Obligo der Kunden wird strenger kontrolliert und die Ausführung proponierter Aufträge teilweise zurückgestellt oder bei Überbuchung abgelehnt.
Nach Beendigung des Biafrakrieges wurde auch das Nigeriageschäft langsam und den veränderten Bedingungen angepaßt, wieder aufgebaut. Es wurden nur noch einheimische Vertreter engagiert in Onitsha und Lagos und durch diese Aufträge von nigerianischen Importeuren aufgenommen, vornehmlich als Finanzierung von Fernost-Waren (Confirming). Dafür bringt die Kundschaft Proforma-Rechnungen von Fernost-Exporteuren in die Vertretungsbüros, zahlt Deposit und bittet um Finanzierung. HARMS & MARCUS eröffnet bei solchen Transaktionen das Akkreditiv zugunsten des fernöstlichen Lieferanten und zieht dann die Verladedokumente unter Aufschlag einer Einkaufs- und Finanzierungskommission Kasse gegen Dokumente auf den nigerianischen Importeur. Von 1970 bis 1982 lief dieses Geschäft zufriedenstellend, wenn auch mit vielen Problemen und Pannen, die intensive Reisetätigkeit von Hamburg aus erforderten. 1983 fiel der Ölpreis und Nigeria wurde zahlungsunfähig. Etliche Millionen DM waren von Kunden lokal bezahlt und wurden bis heute von der Zentralbank blockiert, ohne Aussicht auf Transfer. Etwa 50 % der Aussenstände war HERMES gedeckt und wurde sukzessive entschädigt. Über die Abdeckung der Vorschüsse auf die andere Hälfte wurde mit den finanzierenden Banken ein Abkommen dahingehend getroffen, daß HARMS & MARCUS aus hereinkommenden Geldern aus Nigeria und Liquiditätsüberschüssen aus Neugeschäft, diese Vorschüsse sukzessive abdeckt.
Auch das Geschäft mit französisch-westafrikanischen Gebieten entwickelte sich kontinuierlich in den 70er und 80er Jahren, und zwar regelmäßiger und weniger problematisch als das Nigeria-Geschäft. Als 1983 Nigeria zusammenbrach, gelang es in relativ kurzer Zeit, den dadurch entstandenen Umsatzausfall durch Steigerung der Umsätze in französische Gebiete auszugleichen. Eine Reihe von Vertretern wurde in diesen Gebieten engagiert, die immer wieder angetrieben durch Reisende aus Hamburg, wesentlich zur Ausweitung dieses Geschäftes beigetragen haben.
Das Geschäft mit Ghana läuft erst seit etwa zwei Jahren wieder an, nachdem dieses Land seit seiner Unabhängigkeit durch KWAME NKRUMAH ruiniert und durch spätere unfähige Zivil- und Militärputschregierungen weiter bergab geführt wurde. Erst seit 1983 ist eine Stabilisierung der Verhältnisse zu beobachten.
Die Einkaufsschwerpunkte von HARMS & MARCUS verlagerten sich immer mehr in den Fernen Osten wie Hong Kong, Taiwan, Japan, Korea. Seit Ende der 60iger Jahre wurde besonders die Textilabteilung erfolgreich ausgebaut. Heute liegt 70-80% des Einkaufs in Fernost, da die hohen europäischen Preise in Afrika nicht mehr erzielbar sind.
Auch der Export von kleinen und mittleren Industrieanlagen wurde Anfang 1970 wieder aufgenommen und seitdem werden regelmäßig Anlagen verschiedener Art exportiert.
Nachdem RASPE & PASCHEN das gemeinsame Büro am Zippelhaus 1974 verliessen und in ein eigenes Gebäude umzogen, dehnte HARMS & MARCUS sich langsam über mehrere Etagen des Zippelhauses aus. Als dann im Herbst 1981 noch die Autoteile-Exportfirma HAARHAUS & CO. übernommen wurde, mußte ein neues Büro gesucht werden. Am Kleinen Pulverteich 17-21 wurden geeignete, moderne Räume gefunden, die auf einer Ebene alle Mitarbeiter von HARMS & MARCUS und HAARHAUS aufnehmen konnten. Im Dezember 1981 wurde umgezogen.
Mit dem Zusammenbruch Nigerias 1983 entstand wieder ein erheblicher Umsatzausfall, sowohl bei HARMS & MARCUS als auch bei HAARHAUS, deren Autoteile-Export zu 90 % nach Nigeria ging. Das Problem war, die Mitarbeiter sinnvoll zu beschäftigen und den Umsatzausfall zu kompensieren. So übernahm Herr HARMS die Anteilsmehrheit an der KUCO-CORSAR GmbH aus dem Konkurs von deren Muttergesellschaft KUCO- Handelsgesellschaft. KUCO-CORSAR bezieht, vornehmlich aus Rußland, billige Waren für den Export und ein Uhren- und Weckersortiment zum Verkauf an die deutschen Kaufhäuser. Auf diese Weise wurde ein zweites Bein zur Risikostreuung und Arbeitsplätze für die Mitarbeiter von HARMS & MARCUS und HAARHAUS geschaffen. Im Mai 1983 zog KUCO-CORSAR in die HARMS & MARCUS-Räume am Kleinen Pulverteich ein. Seitdem besteht Bürogemeinschaft.
Heutige Schwerpunkte der Aktivitäten von HARMS & MARCUS sind Export nach Französisch-Westafrika und Finanzierung von Waren aus Fernost für Kunden in diesen Gebieten, ähnlich dem früher für Nigeria durchgeführten Confirming. Die Ergebnisse sind zufriedenstellend, aber nach wie vor belastet durch die in Nigeria blockierten Gelder. In jüngster Zeit war es zur Stärkung der Aktivitäten in Französisch-Westafrika nötig, einen Stützpunkt in Kamerun und demnächst an der Elfenbeinküste einzurichten, um in diesen beiden bedeutendsten Märkten Französisch-Westafrikas besser repräsentiert zu sein und für HARMS & MARCUS einen größeren Anteil am Importbedarf dieser Länder zu sichern.
Familie
VI. Die Familie HARMS
Das Schicksal der Familie HARMS und der Firma HARMS & MARCUS waren stets eng miteinander verbunden. Durch gute und schlechte Geschäftsjahre war das persönliche Leben der Inhaber und ihrer Familien beeinflußt und geprägt. Aber auch HARMS & MARCUS litt zuweilen unter den Problemen der Familie.
So versuchten bereits 1906 JOHN MARCUS und der Prokurist MORIN eine langwierige Krankheit von ROBERT HARMS sen. auszunutzen, um die Firma an sich zu bringen. Dies mißlang, da ROBERT HARMS Kapital beschaffen und MARCUS auszahlen konnte.
Der wertvollste Weggefährte von ROBERT HARMS jun. wäre sicherlich sein im 1. Weltkrieg gefallener Bruder WALTER gewesen. Die Brüder ergänzten sich. ROBERT war ruhiger und sollte die Büroleitung übernehmen. WALTER war lebhafter und hätte den Aussendienst, einschließlich Reisen nach Afrika übernehmen können. Sein früher Tod führte dazu, daß bis Anfang der 50er Jahre kein Mitglied der Familie HARMS – weder ROBERT HARMS sen. noch ROBERT HARMS jun. – selbst nach Afrika reisten.
Das gleiche wiederholte sich durch den tragischen Tod von KLAUS HARMS, der 1958 nur 24-jährig an Krebs verstarb. Er war der jüngere Sohn von ROBERT HARMS jun. und einziger Bruder des jetzigen Inhabers WALTER HARMS. Auch hier war geplant – und schon in die Tat umgesetzt – daß KLAUS HARMS vornehmlich den Aussendienst in Afrika übernahm. Er machte bei HARMS & MARCUS eine kaufmännische Lehre, absolvierte die Textilfachschule in Neumünster und bereiste dann Westafrika ab Anfang 1954. WALTER HARMS studierte Betriebswirtschaft und wurde so für die Leitung des Stammhauses in Hamburg vorbereitet. Mit Abschluß des Examens als Diplom-Kaufmann Ende 1954 traten er und sein Bruder KLAUS per 1.1.1955 als Teilhaber in die Firma HARMS & MARCUS und alle Nebenfirmen ein. Durch den frühen Tod seines Bruders KLAUS wurde WALTER HARMS gezwungen, sowohl die Geschäftsführung in Hamburg als auch die Reisetätigkeit in Afrika und Fernost zu übernehmen.
ROBERT HARMS verstarb 1971 und erlebte noch aktiv den Wiederaufstieg von HARMS & MARCUS nach den schweren Verlusten und Krisen der 60er Jahre, in denen er auch sein gesamtes Privatvermögen, einschließlich mehrerer Häuser verlor.
Heute ist WALTER HARMS alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer von HARMS & MARCUS, unterstützt von langjährig in der Firma tätigen Prokuristen und Mitarbeitern, die durch viele Reisen Afrika-Erfahrung haben.
Dank
VII. Schlusswort
Im Laufe der 100 Jahre HARMS & MARCUS haben immer wieder Vertrauen und Unterstützung einzelner geholfen, schwierige Situationen zu überstehen.
1943 stellte Herr OSKAR MATZEN, Chef der Kollegenfirma MATZEN & TIMM, mit der vor dem Kriege kooperiert worden war, nach der Ausbombung von HARMS & MARCUS ein voll eingerichtetes Büro zur Verfügung.
1961 half durch Rat und Tat besonders der Firmenanwalt Herr HERBERT W. SAMUEL die schwierige Lage zu meistern und stellte den Kontakt mit Herrn DR. KURT BUSCH her, der als Vergleichs- und später Konkursverwalter durch Besonnenheit und Verhandlungsgeschick, aber auch erheblichen persönlichen Einsatz (u.a. Afrika-Reise) den Untergang von HARMS & MARCUS verhinderte.
Ende 1967 erklärte sich der Direktor der HAMBURG-AFRIKA-BANK, Herr W. CHRISTIANSEN, bereit, die dringend benötigte Bürgschaft zur Besicherung des Zwangsvergleichs zu erstellen, ohne weitere Sicherheit als das Vertrauen darin, daß es den Herren HARMS gelingen würde, die Geschäfte trotz Biafra-Krieg auszubauen und entsprechende Gewinne zu erzielen, praktisch ein Personalkredit.
Herr RADBRUCH von RASPE & PASCHEN, vor allem aber sein Prokurist Herr HANS STEGELMANN, halfen 1964 durch Eingehung der Partnerschaft der Auffanggesellschaft Kommanditgesellschaft HARMS & MARCUS Export & Import GmbH & Co. zu überleben.
1983 war es die DEUTSCHE BANK – und hier besonders deren Generaldirektor Herr CHRISTOPH KÖNNECKER – die durch Formierung eines Bankenpools HARMS & MARCUS größere Liquiditätsprobleme ersparte und half, die durch die Zahlungsunfähigkeit Nigerias ausgelöste Krise zu überwinden.